Zwiefachentag in Hemau machte Oberpfälzer Lebensgefühl greifbar
Der mal mehr, mal weniger verzwickte Taktwechsler lockte Volkstanzfreunde aus nah und fern in die Oberpfalz. Die Kultur- und Heimatpflege des Bezirks rückte damit nicht nur den Zwiefachen als immaterielles Kulturerbe in den Mittelpunkt, sondern setzte auch ein wichtiges Zeichen für Zusammenhalt.
Hemau, 12. Mai 2026 - Wer am vergangenen Samstag in die Gesichter der Tanzenden blickte, sah strahlende Augen – aber schon auch die ein oder andere Schweißperle glitzern: Ja, die von Bläsern, Streichern und mit Dudelsäcken aufgespielten Zwiefachen hatten es teils in sich. Und auch Petrus meinte es gut und deckte die Maisonne nur ganz selten mit einer Wolke zu. Beste Bedingungen also für den achten Zwiefachentag in Hemau. Den hat kürzlich die Kultur- und Heimatpflege des Bezirks gemeinsam mit dem Landkreis Regensburg und der Stadt ausgerichtet. Es sollte ein Tag der Begegnung und des Miteinanders werden – und die Erwartungen wurden perfekt erfüllt.
Schon am Vormittag war der historische Zehentstadel im Stadtzentrum bis auf den letzten Platz besetzt. Hier fand die offizielle Eröffnung durch Bezirkstagspräsidenten Franz Löffler, Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl, Landrätin Tanja Schweiger sowie Bürgermeisterin Petra Lutz statt. Mit im Publikum saßen interessierte Besucher ebenso wie zahlreiche Ehrengäste, darunter der Direktor der Bezirksverwaltung, Dr. Benedikt Schreiner, einige Bezirksräte, sowie Stadträte und Ehrenbürger der Stadt Hemau.
Der Bezirkstagspräsident betonte in seinem Grußwort, wie wichtig die Pflege regionaler Bräuche sei: „Gerade in einer sehr bewegten Zeit, in der uns vieles gleichförmig präsentiert wird, ist es umso wichtiger, an die eigenen Wurzeln und die regionale Identität zu erinnern. Das ist der Antrieb für unsere Kultur- und Heimatpflege, nicht nur in der Oberpfalz, sondern aller bayerischen Bezirke.“
Vortrag führte „im Schweinsgalopp durch 200 Jahre Tradition“
Warum gerade der Zwiefache diese Kultur so beispiellos verkörpert und viel mehr ist, als „nur“ eine Art des Volkstanzes, erklärte Dr. Max Seefelder. Er war bis 2023 Bezirksheimatpfleger in Niederbayern und maßgeblich für die Eintragung des Zwiefachen als immaterielles Kulturerbe verantwortlich.
Die Bedeutung der Taktwechsler-Tradition machte er unter anderem an einem Vergleich mit der Landshuter Hochzeit deutlich, die immerhin als das vermutlich größte und aufwändigste historische Kostümfest Europas gilt. „Der Zwiefache hat es 2016 binnen sechs Wochen in die Landes- und in die Bundesliste des immateriellen Kulturerbes geschafft. Zum Vergleich: Die Landshuter Hochzeit kam 2018 in die bayerische Liste, erst vier Jahre später dann in die Bundesliste. Das liegt unter anderem daran, dass der Zwiefache eine längere Tradition aufweist, es gibt ihn nicht erst seit dem Mittelalter, und seine Verbreitung ist nicht räumlich begrenzt“, sagte Seefelder.
Im weiteren Vortrag führte er „im Schweinsgalopp durch circa 200 Jahre Zwiefachentradition“, wie er selbst sagte. Er skizzierte die Anfänge als Musik des „gemeinen Volkes“ bzw. der Arbeiter auf dem Land, die keine Beachtung in der Musikforschung fand. Später dann, in der NS-Zeit, das Gegenteil: Hier wurde der Zwiefache, wie auch die Volksmusik insgesamt, ideologisch vereinnahmt und versucht, die Menschen zur „Heimattreue“ und als Gegner äußerlicher Einflüsse zu "erziehen“, sagte Seefelder. „Heimatabende wurden zu Propagandazwecken ausgeschlachtet.“
Heute stehe es gut um den Zwiefachen. „Archive halten tausende von Dokumenten vor, die die Verbreitung in der Oberpfalz und Niederbayern, aber eben auch in Mittel-, Unter- und Oberfranken, bis ins Egerland und in den Schwarzwald belegen. Zudem hat eine Umfrage der Bezirke Niederbayern und Oberpfalz ergeben, dass mehr als 1000 Musikgruppen Zwiefache in ihrem Repertoire führen. Kurz gesagt: Der Zwiefache erlebt eine Renaissance und erfährt eine Aufwertung wie nie zuvor.“
Appell: Einstehen für die Kultur, auch bei Stammtischdiskussionen
Bevor die Gäste zu Musik und Tanz in den Nachmittag ausschwirrten, appellierte Franz Löffler, die Idee des Tages auch darüber hinaus zu vertreten. „Mein Appell ist: Wir dürfen nicht nur konsumieren, wenn es uns günstig erscheint. Wir müssen für unsere Kultur als identitätsstiftendes Merkmal auch eintreten. Das kann auch manchmal etwas Kraft kosten. Es ist eine bewusste Entscheidung, die regionale Tracht zu tragen oder auch ein Instrument zu lernen. Aber dazu gehört auch, wenn so gleichförmige Diskussionen am Stammtisch entstehen, mal die Stimme zu erheben und auch für die regionale Kultur einzutreten.“
Insgesamt zeigten sich alle Organisatoren sehr zufrieden mit dem Zwiefachentag in Hemau. Rund 200 Teilnehmende haben sich allein für die anmeldungspflichtigen Workshops, Führungen und Mitmachangebote registriert. Hinzu kam das Publikum an offener Bühne und freien Programmpunkten. Die Gäste kamen mindestens aus ganz Ostbayern – vom Landkreis Regensburg ebenso wie aus Passau oder Furth im Wald.
Stimmen zum Zwiefachentag 2026
Landrätin Tanja Schweiger:
„Wenn gemeinsam getanzt, gesungen und aufgespielt wird, entsteht etwas, das Menschen miteinander verbindet. Der Zwiefache bringt Menschen zusammen, bewahrt unsere kulturellen Wurzeln und zeigt zugleich, wie lebendig gelebte Tradition in der Oberpfalz heute ist. Gerade die Wirtshauskultur in Hemau bietet dafür den passenden Rahmen – sie ist ein Ort der Begegnung, der Geselligkeit und des gemeinsamen Erlebens von Musik und Brauchtum.“
Bürgermeisterin Petra Lutz:
„Dass Hemau den Zwiefachentag erneut ausrichten darf, freut mich als Bürgermeisterin ganz besonders. Unsere Stadt lebt von einem starken Miteinander, von gelebter Tradition und von Menschen, die sich mit viel Engagement für Kultur und Brauchtum einsetzen. Umso schöner ist es, heute Gäste aus der ganzen Oberpfalz und darüber hinaus hier bei uns begrüßen zu dürfen. Und vielleicht kann er uns auch daran erinnern, dass es manchmal gut ist, den Takt zu wechseln, aufmerksam zu bleiben und sich aufeinander einzulassen.“






