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November 1918: Schluss mit Krieg und Monarchie, aber wie geht es weiter?

REGENSBURG. Die Kultur- und Heimatpflege des Bezirks Oberpfalz, der Arbeitskreis Heimatforschung Oberpfalz und der Arbeitskreis Landeskunde Ostbayern der Universität Regensburg bringen auf einer Fachtagung Licht in ein bisher kaum erforschtes Kapitel unserer Regionalgeschichte.

Der Erste Weltkrieg ist verloren, zehntausende Oberpfälzer tot, die Straßen voll von Kriegversehrten, der Hunger zieht durch Bayern: Historisch fundiert eröffnete Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, die Vorgeschichte der anfangs unblutigen Novemberrevolution 1918 bei der Tagung „Kriegsende- Revolution – Neuanfang – Die Oberpfalz vor 100 Jahren“ im Festsaal des Bezirks Oberpfalz.

Stadt und Land waren sich zuerst einig nach der „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“, so der Historiker George F.Kennan über den Ersten Weltkrieg: Kapitulation, Friedensschluss, Schluss mit Mangelwirtschaft, den Hungersnöten und: Der bayerische König Ludwig III. musste weg, seine kriegsunterstützende Politik für Kaiser Wilhelm II. stand dem Frieden im Weg. Am 5. November 1918 meuterten die Matrosen in Kiel, am 7. November übernahmen Tausende Arbeiter, Soldaten und Bürger nach einer Friedendemonstration in München die Macht in den Kasernen und ab 13.11.  in den Amtstuben, nachdem der König die Beamten vom Treueschwur entbunden hatte. Am frühen Morgen des 8. November rief der Schriftsteller Kurt Eisner als Führer der linkssozialistischen USPD den Freistaat Bayern aus. Nach der Ermordung Eisners radikalisierte sich ein Teil der Arbeiter- und Soldatenräte und sah die Zukunft Bayerns in einer Räterepublik nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution. Die entscheidenden Gremien wie Zentralrat und Aktionsausschuss waren zu etwa einem Fünftel auch mit Oberpfälzern und Niederbayern besetzt. Dr. Georg Köglmeier, Historiker an der Universität Regensburg, nannte etwa die Gebrüder Carl und Ludwig Gandorfer aus dem niederbayerischen Pfaffenberg, die für Ministerpräsident Eisner die wichtige Verbindung zum Bayerischen Bauernbund herstellten.  

Dr. Maximilian Wacker zeigte aufgrund seiner soeben beim Verlag Friedrich Pustet erschienenen Dissertation den rund 100 Tagungsbesuchern, dass für die Menschen in der Oberpfalz der Schutz des Eigentums, die öffentliche Sicherheit, das Ende der Zwangsbewirtschaftung in der Landwirtschaft und der Weg in die parlamentarische Demokratie die politische Agenda bestimmte. Allenfalls in industriellen Zentren wie in Maxhütte-Haidhof hatten linkssozialistische Ideen unter der Arbeiterschaft zeitweise größeren Einfluss. 

Als Sammelbewegung von Bauern, Arbeitern, Beamten, Angestellten, Lehrern und Handwerkern gründete sich am 12. November 1918 unter der Leitung der Zentrumsabgeordneten Georg Heim und Sebastian Schlittenbauer in Regensburg die Bayerische Volkspartei. Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl arbeitete in seinem Vortrag überzeugend heraus, dass dieser Parteigründung schon jahrelange Abspaltungstendenzen der bayerischen Zentrumabgeordneten im Deutschen Reichstag vorausgegangen waren. Mit dem eindeutigen Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie und einem Reformprogramm wie Frauenstimmrecht, soziale Fürsorge gerade für Kriegsgeschädigte und einer Steuerpolitik gestaffelt nach Vermögen und Einkommen gewann die Bayerische Volkspartei bereits bei den Landtagswahlen am 12. Januar 1919 über ein Drittel der Stimmen und war bis zur Selbstauflösung auf Druck der Nationalsozialisten 1933 durchgehend stärkste Fraktion im Bayerischen Landtag.

Wie kann der Besucher ab Mai 2019 im neuen Museum der bayerischen Geschichte am Donaumarkt diese unruhige Zeit zwischen Weltkriegsende, Gründung des Freistaates Bayern  und blutiger Niederschlagung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorpsverbände im Mai 1919 erleben? Anhand eines virtuellen Rundgangs gab Dr. Andreas Kuhn vom Haus der Bayerischen Geschichte einen faszinierenden Einblick in das Museumkonzept und die Ausstellung selbst. Generation für Generation bewegt sich der Besucher im Zeitabstand von 25 Jahren ab dem Jahr 1800 durch die Ausstellung, die auch einen Blick in Bayerns Zukunft bis 2030 wagt. Der Erste Weltkrieg führt in ein von nur von einer Seite begehbares Labyrinth. Lebenswege von Einzelschicksalen und Objekte wie zum Beispiel der durchschossene Helm eines überlebenden Soldaten versetzen den Besucher 100 Jahre zurück.

Die von den Referenten vorgestellten Ergebnisse der umfangreichen Quellenforschung zeigen die Oberpfälzer als an pragmatischen Lösungen orientierten Menschenschlag, der in linksozialistischen Experimenten keine Zukunftsoption sah.

Die Erforschung dieses Zeitabschnitts zwischen dem Ende der 700-jährigen Herrschaft der Wittelsbacher und dem Beginn der Weimarer Republik sollte aber noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Dr. Markus Schmalzl von der Generaldirektion der staatlichen Archive in Bayern machte deutlich, dass die akribische Detektivarbeit in staatlichen und kommunalen Archiven sowie in privaten Nachlässen durchaus noch mehr Wissen ans Tageslicht bringen könnte.