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Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Oft fängt es ganz harmlos an, mit der Vorgabe, gesünder zu essen, mehr Obst, weniger Zucker. Die Folge ist aber, dass die Kinder und Jugendlichen immer weiter abnehmen, bis es letztendlich eine Gefahr für den Körper entsteht. Appetitlosigkeit oder Magersucht (Anorexie) und Ess-Brechsucht (Bulimie) bei Kindern und Jugendlichen stecken dann dahinter.

Auch aus Spiel, Sport und Spaß wird bei der hohen Leistungsbereitschaft der Kinder und den Erwartungen von Eltern und Trainern manchmal ein Regime aus Disziplin und Fettverbrennung. Und dann vergehen oft viele Wochen und Monate, in denen die Familie ums Essen diskutiert, mit Bitten und Fordern der Eltern, mit Heimlichkeiten und Verweigerung bei den Kindern.

„Verschiedene Faktoren spielen bei Essstörungen zusammen, zum Beispiel geringes Selbstwertgefühl, Hang zum Perfektionismus, genetische Anlagen oder das scheinbare Erfolgsrezept „Schlank-Sein“, erklärt Petra Ebertseder. Sie ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin für in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) am Bezirksklinikum Regensburg. Weitere Gründe zu Hungern kann der Versuch von Kindern und Jugendlichen sein, sich abzuheben, etwas Besonderes zu sein oder als Lösungsversuch für familiäre oder andere Konflikte zum Beispiel mit Gleichaltrigen. Betroffen sind immer jüngere Kinder, die an einer Anorexie erkranken, manchmal schon Zehnjährige in der Vorpubertät.

Ambulanz für Essstörungen

Oft gehen die Eltern mit ihren betroffenen Kindern zum Kinderarzt, der eine psychotherapeutische Behandlung empfiehlt. Eine weitere Anlaufstelle ist die Ambulanz der KJP. Hier kann eine erste Klärung erfolgen, ob zum Beispiel eine körperliche Stabilisierung in einer Kinderklinik nötig ist. Bei und nach einer ausführlichen Diagnostik wird entschieden, ob für den Patienten eine ambulante oder stationäre Behandlung vor Ort oder in speziellen, überregionalen Behandlungszentren optimal wäre.

Ambulante Behandlungen etwa in einer spezialisierten Gruppe für Jugendliche mit Essstörung haben den Vorteil, dass die Kinder und Jugendlichen ihren Alltag, das heißt die Familie, Schule und Freundeskreis weiter um sich haben. Sie ist nur möglich, wenn die Jugendlichen körperlich stabil sind und eine gewisse Gewichtsgrenze nicht unterschreiten. Dies bedeutet eine hohe Herausforderung für die Familien, zu Hause mit Essensplänen zu arbeiten, ohne sich noch mehr in Konflikte um das Essen zu verstricken.

Stationäre Behandlung

Im stationären Behandlungssetting ist es oft viel leichter für die Jugendlichen, sich an Essensvorgaben zu halten. Alle sitzen im gleichen Boot und die Vorgaben kommen von Profis. Autonomie und Rollenkonflikte bei der Frage, wieviel Butter auf das Brot soll, rücken in der Gruppe in den Hintergrund.

Gemeinsam ist bei ambulanter und stationärer Behandlung das Ineinandergreifen verschiedener Therapiebausteine. „Neben der Aufklärung über die Erkrankung mit allen Höhen und Tiefen gehört ganz maßgeblich anfangs die Ernährungstherapie, der Aufbau einer guten Essensstruktur und einer ausreichenden Kalorien-Zufuhr für eine regelmäßige Gewichtszunahme“, beschreibt Ebertseder. Mit den Jugendlichen wird in kleinen Schritten eine Annäherung an ein gesundes Gewicht erarbeitet, mit dem der Körper die Entwicklungsaufgaben wie Wachstum und Pubertätsentwicklung leisten kann.

„Einzelpsychotherapie oder die Behandlung in homogenen Kleingruppen, Kunsttherapie und Körperarbeit zur nichtsprachlichen Bearbeitung von Themenkomplexen und der Körperschemastörung dienen auch zum Aufbau von Selbstwert und alternativen Lösungswegen“, so die Psychotherapeutin. Die Einbeziehung der Familie ist umso wichtiger, je jünger die Betroffenen sind. Dabei kann es neben einer klaren Anleitung für gemeinsame Mahlzeiten auch um Konfliktlösestrategien, um offene oder unausgesprochene Werte und Erwartungen gehen, um Kontrolle und Autonomie. Zusammen mit den Jugendlichen und ihren Familien wird ein Behandlungsplan anhand des therapeutischen Bedarfs und der individuellen Möglichkeiten entwickelt. Schritte auf dem Weg, wieder gesund zu werden.

Petra Ebertseder wird gemeinsam mit Jeanne-Marie Berger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, einen Vortrag zum Thema „Nein, meine Suppe ess‘ ich nicht – Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen“ in der medbo visite-Reihe am Donnerstag, 06. Juli, um 19 Uhr im Hörsaalgebäude (IBP) des Bezirksklinikums Regensburg, Universitätsstraße 84 halten. Der Eintritt ist frei.